Meine völlig unromantische Gartenphilosophie

Es sind so viele kitschtriefende Zitate im Umlauf, wie glückseligmachend so ein Garten nicht sei. Stadtkind das ich bin hab ich’s nicht verstanden, habe nie etwas vermisst, doch ich habe es so oft gehört – vor allem seit die ersten Freunde anfangen sich ihre Fertigteilhäuser und Thujenhecken in den Speckgürtel zu stellen –, dass ich (fälschlicherweise!) tatsächlich fast geglaubt hätte ich würde etwas Wesentliches verpassen.

Dabei mag ich die Natur sehr: beispielsweise in Form des Türkenschanzparks, aber den muss man auch nicht gießen. Dem Lieblingsmenschen war der Türkenschanzpark nicht genug, obwohl der in Gehweite der alten Wohnung war, also sind wir übersiedelt und haben jetzt einen eigenen Garten auf dem Dach. Seither schüttle ich umso mehr den Kopf über schwachsinnige Metaphern und glitzerige Bildchen, die einem einreden wollen, dass ein Garten das ultimative Paradies sei und der Mensch erst durch die Erfindung der Scheibtruhe zum Menschen erhoben worden sei.

Ich sehe das ziemlich pragmatisch: Ein Garten ist wie ein Klo. Es ist der Lebensqualität sehr zuträglich wenn man es hat, denn man fühlt sich wohler, wenn man es benutzen kann wann und wie man möchte. Aber es ist auch fürchterlich anstrengend und grauslich und dreckig und außerdem kriegt man Kreuzweh davon. Doch wenn man sich diese Arbeit nicht regelmäßig antut, dann ist es ganz schnell so grauslich, dass man es freiwillig nicht mehr benutzen möchte und erst recht nichts davon hat.

Warum ich mich dennoch damit befasse? Weil ich es gerne schön habe und kein Geld für Gärtner und Reinigungskräfte. Weil ich gerne esse und die Idee des Selbstversorgens reizvoll finde. Weil ich gerne Neues lerne und … ja, warum denn eigentlich nicht? 😉


Nachtrag vom 20. 5. 2016

Ich wurde von einem Leser kontaktiert, der es „erschreckend“ und „derb“ und „unerträglich“ fand, einen Garten mit einem Klo gleichzusetzen. Um weiteren Missverständnissen vorzubeugen und meinen Standpunkt etwas klarer zu machen, hier meine (teilweise gekürzte, teilweise erweiterte) Antwort:

Ich kann schon verstehen, dass Du über diesen Satz gestolpert bist, und auch warum es Dich so sehr empört. Aber ich stehe trotzdem zu dieser Formulierung. Ich muss zugeben … ich habe einen ziemlich schwarzen Sinn für Humor, und ich wollte damit auch bewusst provozieren, vor allem in Anbetracht der Abermilliarden anderer Gartenseiten, die – ebenso polemisch und krass übersteigert und schon auch ein bisschen respektlos – sinngemäß schreiben „ein Garten ist das einzig wahre Paradies auf Erden und anderswo kann man keinerlei Schönheit und persönliches Glück finden, und Leute, die nicht begeisterte Gärtner sind und jede freie Sekunde in der Natur verbringen, oder gar freiwillig in der grauen, garstigen Sch…tadt wohnen, sind richtig armselige Kreaturen“. Deiner Reaktion nach ist das offenbar gelungen 😉
Für mich ist (m)ein Garten ein Mittel zum Zweck. Doch seit ich angefangen habe zu gärtnern, habe ich gelernt auch „Mist“ wertzuschätzen. Ein Garten wächst aus Kompost, und der wiederum aus Abfällen … auch deshalb finde ich die Klo-Metapher passend. Für mich ist ein Klo – auch wenn es in unserer prüden Gesellschaft zuerst mit etwas Schmutzigem und, wortwörtlich, „Scheiße“ verbunden wird – nichts Negatives, im Gegenteil!
Für mich ist ein Klo zuallererst ein Ort der Lebensqualität, der für uns so selbstverständlich geworden ist, dass man es oft erst zu schätzen lernt wenn man dieses Privileg mal nicht hat – und für einen Garten gilt dasselbe. Ein öffentliches Klo, oder ein öffentlicher Garten, wird von anderen saubergemacht und schön hergerichtet, damit wir uns daran erfreuen können wenn wir es brauchen, und es ist trotzdem etwas ganz anderes als ein Klo oder Garten in der Privatsphäre unserer eigenen vier Wände.
Es ist viel Arbeit sich darum zu kümmern, und diese Arbeit ist nicht immer un-eklig (weswegen ich mit Deinem alternativen Vorschlag „ein Garten ist etwas Alltägliches, wie eine Speisekammer“ nicht konform gehe: Eine Speisekammer aufzuräumen bedeutet bestenfalls hin und wieder abstauben und vielleicht die eine oder andere originalverschlossene Konserve mit Ablaufdatum von 2006 aussortieren; ein WC sauber schrubben bzw. Erde unter den Fingernägeln hervorkratzen oder auch Guano-Dünger – ja, das ist konzentrierte Vogelscheiße! – in die Erde buddeln ist wesentlich widerlicher, zumindest meiner Ansicht nach) – aber es ist eben ein „notwendiges Übel“ und wir nehmen es gerne in Kauf, für die Lebensqualität die wir gewinnen wenn es mal gemacht wurde.
Diese Tatsachen schönzureden und zu romantisieren ist naiv und kontraproduktiv, denn es weckt (gerade bei „Null-Ahnung-Neulingen“ wie mir, für die ein Garten eben nicht „etwas Alltägliches“ ist) völlig falsche Vorstellungen davon, was Gärtnern eigentlich alles beinhaltet: the good, the bad, and the ugly.
Advertisements

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s