Die kleinere Stadt an der Donau

Bratislava ist nur knapp 55 Kilometer Luftlinie von Wien entfernt – das ist näher als die nächstgelegene Landeshauptstadt. Die Tourismusbranche wirbt damit, dass die beiden Hauptstädte „Twin Cities“ seien. Das ist natürlich ziemlich übertrieben – man merkt zwar (wie in den meisten Städten des früheren Habsburgerreiches) deutlich die gemeinsame Vergangenheit, doch Bratislava ist kein Zwilling von Wien, Prag oder Budapest – Bratislava ist eher so eine nervige kleine Cousine, die man selten sieht und gerne mal vergisst oder verwechselt, die aber doch ganz nett ist wenn man sich ausnahmsweise mal mit ihr befasst (… ich bin die drittjüngste von 14 Cousins und Cousinen, ich weiß wie das ist 😉 ).

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Katedrála svätého Martina (Martinsdom) und moderne Architektur

Die Stadt hat wirklich nicht spektakulär viel zu bieten: in den frühen Neunzigern ersetzte Bratislava Bonn als zweitlangweiligste Hauptstadt Europas (die langweiligste ist und bleibt Andorra la Vella, ein tristes Bergdorf mit 20.000 Einwohnern und mindestens ebensovielen Kühen 😉 ). Das macht es zum perfekten Ziel für einen Kurztrip: man braucht nicht länger als ein, zwei Tage, um alles Sehenswerte zu sehen, und hat trotzdem noch genug Zeit im Kaffeehaus die Seele baumeln zu lassen.

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The Conquest of Petrzalka

Was mich an Bratislava fasziniert, sind ihre Kontraste. Am einen Donauufer putzige barocke Gebäude und schmale verwinkelte Kopfsteinpflasterstraßen, am anderen Donauufer uniforme Plattenbauten soweit das Auge reicht. Schmuck hergerichteter schamloser Habsburgerkitsch hier, heruntergekommene Ruinen des Realsozialismus da. Einerseits fast schon ausgestorben, andererseits unheimlich jung und lebendig.

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In der Burg von Bratislava

Die Burg von Bratislava (Bratislavský hrad, die namensgebende „Pressburg“) ist vermutlich die einzige Burg in ganz Europa, die nach frischer Farbe riecht statt nach historischem Mief: sie brannte im 19. Jahrhundert ab und war lange Zeit nur mehr eine Ruine, bis sie erst kürzlich nach einer aufwändigen Renovierung neu eröffnet wurde (als ich zuletzt da war, es muss 2007 oder 2008 gewesen sein, war die Burg noch nicht für die Öffentlichkeit zugänglich). Die üblichen Prunkräume und Maria Theresias Nachttopf sucht man hier vergeblich, stattdessen gibt es ein wirklich interessantes und vielfältiges Museum, das unter anderem eine Gemäldegalerie sowie Ausstellungen zur Geschichte von Burg und Stadt, zum slowakischen Nationalismus, und zum Ersten Weltkrieg beherbergt. Der reguläre Eintrittspreis beträgt 6,50€.

Wirklich phantastisch ist der Ausblick von der Burg. Der Lieblingsmensch war oben auf dem Turm, meine Höhenangst und ich haben uns mit dem Ausblick vom Burghof aus begnügt (schmale, steile Treppen sind wirklich nicht meins!). Die Burg thront auf einem Felsen über der Donau: Richtung Osten sieht man die roten Ziegeldächer und zahlreichen Kirchtürme der Altstadt; Richtung Süden den Plattenbaubezirk Petržalka, der auf der einen Seite an ein weitläufiges Industriegebiet grenzt und auf der anderen Seite an die noch weitläufigeren Wälder der Donau-Auen; Richtung Westen sieht man bis nach Österreich … zwar nicht ganz bis nach Wien, aber bis zum Leithagebirge, und auch den Windpark in der Parndorfer Heide, den man an klaren Tagen von unserer Terrasse aus sehen kann. Die Welt ist klein, das wird einem da so richtig bewusst.

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Hereinspaziert in die Welt von Gestern.

Mein Lokaltipp ist diesmal das Café-Restaurant Zylinder. Ein wirkich charmantes Lokal, das im Stil eines klassischen Kaffeehauses gehalten ist und köstliche altösterreichische slowakische mitteleuropäische Hausmannskost („Pressburger“ Schnitzel, anyone? 😉 ) serviert. Wir hatten einen wirklich schönen Abend dort, das beste Szegedinergulasch nördlich der Donau außerdem, danach keinen Platz mehr für Powidldatschkerln und Kaiserschmarrn mehr, im Hintergrund ein eifriger Pianist, und vor dem Lokal der atmosphärische Hviezdoslavovo, der mehr eine Allee mit einem aufwändigen Springbrunnen in der Mitte ist als bloß ein Platz. Die absolute Herrlichkeit!

Allerdings darf man nicht den Fehler machen zu glauben, dass alles in Bratislava spottbillig sei, weil „Ostblock“ und so. Seit der Einführung des Euro sind die Preise durchaus vergleichbar mit Wien, zumindest in „besseren“ Lokalen im Stadtzentrum. Vermutlich gibt es sie noch irgendwo: die Geheimtipps, wo man einen Vollrausch um eine Handvoll Kleingeld bekommt – aber ich habe sie nicht gesucht 😉

Was uns auch sehr gut gefallen hat war der Ausblick vom UFO, dem markanten Aussichtsturm auf der SNP-Donaubrücke. Dort gibt es auch ein Restaurant, das nicht nur 80 Meter über der Donau sondern auch preislich sehr gehoben ist … wenn es einem gerade nicht danach zumute ist, mehr als 25€ für eine Hauptspeise hinzublättern, kann man auch einfach nur einen Kaffee oder einen Cocktail an der Bar trinken und die Aussichtsplattform besuchen. Der reguläre Eintrittspreis kostet 6,50€ (Achtung – es ist auf der Webseite leider missverständlich ausgedrückt: die Rückerstattung des Eintrittspreises bei Konsumation gilt nur für eine vollständige Mahlzeit im Restaurant, nicht für Getränke bzw. Snacks an der Bar!).

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Streetart am Busbahnhof von Bratislava

Angereist sind wir diesmal mit dem Twin City Liner – ein Katamaran, der in 90 Minuten Fahrzeit die größere mit der kleineren Stadt an der Donau verbindet. War ein ganz nettes Erlebnis, auch wenn das Schiff nicht so schnell ist wie gedacht (Höchstgeschwindigkeit 70km/h stromabwärts), es unterwegs abgesehen von Streetart am Donaukanal nicht viel außer Bäumen Donau-Auen-Nationalpark zu sehen gibt, und wir den Altersdurchschnitt der Passagiere um ungefähr ein Jahrhundert gesenkt haben (konstante Beschwerden über die Klimaanlage und lautstarke Unterhaltungen über Hämorrhoiden der Sitznachbarn inklusive …). Kosten tut der Spaß zwischen 20 und 35€ pro Person und Richtung, je nachdem an welchem Wochentag bzw. zu welcher Uhrzeit man fährt.

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Die Burgruine Devín und die Mündung der March in die Donau markiert die Grenze zwischen Österreich und der Slowakei

Praktischer, günstiger und rascher ist natürlich die Anreise mit Bus oder Bahn. Was auch wichtig zu wissen ist: der Flughafen Bratislava-Ivanka wird von mehr Low-Cost-Carriern angeflogen als Wien-Schwechat, und der Transfer nach Wien kostet 15€ (tour-retour). Demnächst fliege ich nach Berlin, und der Flug mit Ryanair plus Fahrkarte für den Postbus kostet weniger und ist außerdem weit angenehmer als eine Fahrt mit dem Fernbus!


Mehr Bilder!

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6 Kommentare Gib deinen ab

  1. AnDi sagt:

    Na, da scheint die nervige Cousine sich doch von ihrer besten Seite gezeigt zu haben! 😀 😀 😀
    Schöne Fotos!
    LG
    AnDi

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    1. Hanna sagt:

      Dankeschön! 🙂 Wir hatten zwar ein bisschen Pech mit dem Wetter, aber es war trotzdem ein schöner Ausflug. 🙂

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  2. pflanzwas sagt:

    Schön be- bzw. geschrieben. Es hat Spaß gemacht, deinen Reisebericht zu lesen 😀

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    1. Hanna sagt:

      Dankeschön! Freut mich, dass es Dir gefällt, denn mir hat es sehr gefallen! 🙂

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  3. pflanzwas sagt:

    PS: und tolle Bilder !

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